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Coco Gauff: Ein kleines Schwipserl - und eine lange Hose

May 23, 2026  Twila Rosenbaum  3 views
Coco Gauff: Ein kleines Schwipserl - und eine lange Hose

Coco Gauff betritt die Orangerie in Roland Garros mit einem Lächeln, das ansteckt. Die Titelverteidigerin der French Open 2026 ist wie immer ein Gewinn für jede Veranstaltung – auf und neben dem Platz. Am gestrigen Donnerstag kam sie etwas später zur Auslosungszeremonie, aber ihre Anwesenheit war dennoch ein Highlight. Nachdem Carlos Alcaraz bei den Herren aus bekannten Gründen fehlte, wäre eine Absenz der Amerikanerin auch verständlich gewesen, doch Gauff ließ es sich nicht nehmen, dabei zu sein. Und wie sie da stand, in einem schlichten Outfit, aber mit einer Ausstrahlung, die an Selbstbewusstsein und Leichtigkeit kaum zu überbieten ist, erzählte sie dem legendären Platzsprecher Marc Maury von den Minuten und Stunden nach ihrem Triumph im Finale 2025 gegen Aryna Sabalenka.

„Zuerst stand eine Doping-Kontrolle an“, erinnerte sich Gauff mit einem Schmunzeln. „Und dann habe ich im Laufe des Nachmittags so oft an einem Glas Champagner genippt, dass ich abends leicht illuminiert herumlief.“ Dabei betonte sie, dass dies im konkreten Fall juristisch völlig in Ordnung war – anders als bei ihrem US-Open-Sieg 2023, als sie in ihrem Heimatland noch nicht das gesetzliche Mindestalter für Alkoholkonsum erreicht hatte. Diese Anekdote zeigte nicht nur Gauffs Humor, sondern auch ihre Fähigkeit, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen – eine Eigenschaft, die ihr auf dem Weg an die Spitze des Damentennis geholfen hat.

Gauffs Aufstieg zur Titelverteidigerin

Die 22-jährige Coco Gauff ist längst keine Überraschung mehr. Seit ihrem Durchbruch als 15-Jährige in Wimbledon 2019 hat sie sich kontinuierlich gesteigert. Nach ihrem ersten Grand-Slam-Titel bei den US Open 2023 und dem French-Open-Sieg 2025 gehört sie zu den dominantesten Spielerinnen der Tour. In Roland Garros hat sie eine besondere Beziehung zum Sandplatz – ihre kraftvollen Grundschläge, ihre außergewöhnliche Beinarbeit und ihr taktisches Verständnis machen sie auf dieser Unterlage besonders gefährlich. Im vergangenen Jahr besiegte sie im Finale die Weltranglistenerste Aryna Sabalenka in einem Match, das als eines der besten des Jahres galt. Die Partie war von hoher Intensität geprägt, mit langen Ballwechseln und emotionalen Höhepunkten. Gauffs Sieg war nicht nur ein persönlicher Triumph, sondern auch ein Symbol für den Generationswechsel im Damentennis.

Ihre Vorbereitung auf die French Open 2026 verlief vielversprechend. Nach einem etwas durchwachsenen Start in die Sandplatzsaison erreichte sie in Rom das Finale, wo sie sich Elina Svitolina geschlagen geben musste. Dennoch war der Turnierverlauf für Gauff ermutigend: Sie zeigte konstant starke Leistungen, besiegte unter anderem Jasmine Paolini im Halbfinale – eine Revanche für die Niederlage im Vorjahresfinale. „Rom hat mir gezeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin“, sagte Gauff nach dem Turnier. „Die Konkurrenz ist stark, aber ich fühle mich bereit, meinen Titel in Paris zu verteidigen.“

Die Auslosung: Ein freundlicher Weg bis ins Viertelfinale

Die Auslosung für die French Open 2026 bescherte Coco Gauff, die als Nummer vier gesetzt ist, eine verhältnismäßig günstige Route. In der ersten Runde trifft sie auf Taylor Townsend, eine Linkshänderin mit kraftvollem Spiel, die jedoch auf Sandplatz weniger gefährlich ist. In Runde drei könnte es zu einem Aufeinandertreffen mit der Neo-Österreicherin Anastasia Potapova kommen, die sich nach ihrem Nationenwechsel neu formiert hat. Potapova ist eine unberechenbare Spielerin, die bei den French Open bereits für Überraschungen gesorgt hat, aber gegen Gauffs Erfahrung und Routine dürfte sie es schwer haben.

Im Viertelfinale wartet möglicherweise Amanda Anisimova, eine Landsfrau, die in dieser Saison noch wenig Spielpraxis hatte. Anisimova, die 2019 als Teenagerin in Roland Garros für Furore sorgte, hat mit Verletzungen zu kämpfen und ist noch nicht wieder in Topform. Für Gauff wäre dies eine machbare Aufgabe. Erst im Halbfinale könnte es zu einem echten Kracher kommen: einem Wiedersehen mit Aryna Sabalenka. Die Belarussin, die nach ihrem Finaltriumph in Madrid die Nummer eins der Welt ist, wird als große Herausforderung gehandelt. Die Rivalität zwischen den beiden hat sich seit dem French-Open-Finale 2025 verschärft, als Sabalenka nach der Niederlage öffentlich Kritik an Gauffs Spielstil übte. Die Stimmung war angespannt, doch ein paar Wochen später in Wimbledon trafen sie sich zu einem publikumswirksamen Versöhnungsgespräch. Seither herrscht ein respektvoller Umgang – zumindest vor den Kameras.

Am Freitag trainierten beide bei hochsommerlichen Temperaturen in Roland Garros. Sabalenka trug die übliche leichte Kleidung, während Gauff mit einer langen Trainingshose auf dem Court stand. Auf den ersten Blick eine kleine, aber bemerkenswerte Abweichung. „Ich will mich einfach wohlfühlen“, sagte Gauff dazu. „Die lange Hose schützt mich vor der Sonne und gibt mir ein Gefühl der Stabilität. Es ist mein Weg, mich auf jede Herausforderung vorzubereiten.“ Dieser Satz könnte als Motto für ihre gesamte Karriere stehen: Gauff ist dafür bekannt, sich akribisch vorzubereiten, sei es durch spezielle Trainingsmethoden, mentale Coachings oder unkonventionelle Kleidungsstücke.

Historischer Kontext: Gauffs Platz in der Tennisgeschichte

Coco Gauff ist nicht nur eine Ausnahmespielerin, sondern auch eine Ikone ihrer Generation. Mit 19 Jahren gewann sie die US Open, mit 21 die French Open – das schaffte vor ihr nur wenige Spielerinnen. Sie steht in einer Tradition mit Größen wie Serena Williams, Martina Hingis oder Steffi Graf, die ebenfalls in jungen Jahren Grand Slams gewannen. Doch Gauff unterscheidet sich durch ihre Vielseitigkeit: Sie ist nicht nur im Einzel erfolgreich, sondern auch im Doppel, wo sie mit Jessica Pegula bereits mehrere Titel holte. Ihre Fähigkeit, sich auf unterschiedliche Spielstile einzustellen – von kraftvollen Grundschlägen bis hin zu filigranen Stoppbällen – macht sie zu einer gefährlichen Gegnerin auf jedem Belag.

Die French Open 2026 sind für Gauff eine Chance, ihren zweiten Titel in Paris zu holen und sich als dominierende Sandplatzspielerin der neuen Ära zu etablieren. Die Konkurrenz ist jedoch groß: Neben Sabalenka zählen Iga Swiatek (die in diesem Jahr mit einer Pause zu kämpfen hat), Elena Rybakina und die aufstrebende Linda Noskova zu den Favoritinnen. Doch Gauff hat gezeigt, dass sie unter Druck ihr bestes Tennis abrufen kann. Ihre mentale Stärke, die sie in vielen engen Matches unter Beweis gestellt hat, ist ihr Trumpf. In Paris, wo die Zuschauer sie wegen ihres kämpferischen Stils lieben, kann sie auf eine breite Unterstützung zählen.

Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Partie gegen Sabalenka im Halbfinale – falls es dazu kommt. Die Belarussin hat in dieser Saison bereits drei Titel geholt und führt die Weltrangliste an. Gauff hingegen hat in Rom zwar das Endspiel erreicht, aber nicht gewonnen. Dennoch ist sie optimistisch: „Ich weiß, dass ich mit jeder Kugel besser werde. Die Niederlagen in diesem Jahr haben mir gezeigt, woran ich arbeiten muss. Ich bin bereit, in Paris mein bestes Tennis zu zeigen.“

Detailanalyse der technischen und taktischen Aspekte

Gauffs Spiel hat sich in den letzten Jahren verfeinert. Ihr Aufschlag, einst eine Schwäche, ist heute eine Waffe – mit einer hohen ersten Aufschlagquote und gezielten Platzierungen. Ihre Rückhand, besonders die cross gespielte, gehört zu den besten der Tour. Auf Sand kann sie zudem ihren Slice und ihre Beinarbeit optimal einsetzen, um aggressive Gegnerinnen in die Defensive zu drängen. In Paris, wo die Plätze etwas langsamer sind als anderswo, kommt ihr dies zugute. Zudem hat sie gelernt, ihre Emotionen zu kontrollieren – ein Bereich, in dem sie früher anfällig war. Heute wirkt sie abgeklärt und fokussiert, selbst in schwierigen Situationen.

Dennoch gibt es Bereiche, die verbessert werden könnten: gegen Spielerinnen wie Sabalenka oder Rybakina, die mit enormem Druck spielen, muss Gauff frühzeitig den Rhythmus finden. Ihre Vorhand, obwohl kraftvoll, neigt gelegentlich zu Fehlern, wenn sie zu viel Risiko eingeht. Das Finale in Rom zeigte, dass sie gegen Svitolina – einer defensiv starken Spielerin – an ihre Grenzen stieß. Doch Gauff ist lernfähig, und ihr Trainerteam, zu dem unter anderem der erfahrene Brad Gilbert gehört, wird die richtigen Adjustments vornehmen.

Ein weiterer Faktor ist die Auslosung. Sollte sie das Viertel- und Halbfinale überstehen, wartet im Finale möglicherweise Iga Swiatek, die trotz ihrer Verletzungssorgen immer noch eine Bedrohung darstellt. Swiatek, die in Paris bereits drei Titel gewonnen hat, ist die Sandplatzkönigin der letzten Jahre. Doch Gauff hat sie in der Vergangenheit geschlagen – unter anderem bei den US Open 2023. „Ich habe Respekt vor Iga, aber keine Angst“, sagte Gauff. „Jedes Match ist anders, und ich werde mein Spiel durchziehen.“

Die Vorfreude auf das Turnier ist riesig. Die French Open 2026 versprechen spannende Begegnungen, und Coco Gauff ist mittendrin. Mit ihrer Mischung aus Talent, Fleiß und Charisma hat sie das Zeug, erneut Geschichte zu schreiben. Ob sie am Ende wieder den Pokal in die Höhe stemmen wird, hängt von vielen Faktoren ab – aber eines ist sicher: Sie wird kämpfen bis zum letzten Punkt, mit oder ohne lange Hose.


Source: tennisnet.com News


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