Die Geschichte der Titanic ist reich an dramatischen Schicksalen, die bis heute die Fantasie beflügeln. Während James Camerons Film von 1997 die fiktive Liebesgeschichte von Jack und Rose ins Zentrum stellt, hat der Regisseur immer wieder betont, dass er auch reale Figuren und Ereignisse eingewoben hat. Eine der erstaunlichsten wahren Begebenheiten rankt sich um Violet Constance Jessop, eine Stewardess und Krankenschwester, die nicht nur die Titanic-Katastrophe überlebte, sondern zuvor und danach zwei weitere Schiffsunglücke. Trotz ihrer heldenhaften Taten taucht sie im Film nicht namentlich auf – doch ein kurzer Moment könnte auf sie anspielen.
Die frühen Jahre und die erste Havarie
Violet Jessop wurde am 2. Oktober 1887 in der Nähe von Buenos Aires, Argentinien, als Tochter irischer Einwanderer geboren. Nach dem Tod ihres Vaters zog die Familie nach England. Um ihre Geschwister zu unterstützen, begann sie 1908 als Stewardess auf See zu arbeiten – ein ungewöhnlicher Beruf für eine junge Frau jener Zeit. Sie heuerte auf der RMS Olympic an, dem ersten der drei gigantischen Ozeandampfer der White Star Line. Am 20. September 1911 ereignete sich die Kollision der Olympic mit dem britischen Kriegsschiff HMS Hawke. Trotz schwerer Schäden an der Bordwand konnte das Schiff aus eigener Kraft zurückkehren, und alle Passagiere und Besatzungsmitglieder blieben unverletzt. Jessop befand sich während des Zusammenstoßes an Deck und half später bei der Evakuierung. Sie blieb auch danach an Bord und setzte ihre Arbeit fort.
Die Titanic: Das zweite Unglück
Im April 1912 wurde Jessop auf die RMS Titanic versetzt, das Schwesterschiff der Olympic. Sie war eine der wenigen Besatzungsmitglieder, die bereits Erfahrung mit einem Schiffsunglück hatten. In der Nacht des 14. April 1912, als die Titanic mit einem Eisberg kollidierte, war Jessop in ihrer Kabine und wurde durch den Aufprall geweckt. Sie eilte an Deck und half dabei, die Passagiere zu beruhigen und ihnen die Rettungswesten anzulegen. Besonders kümmerte sie sich um Reisende, die kein Englisch sprachen, und zeigte ihnen durch Vorbild, wie sie sich verhalten sollten. Später gelang es ihr, ein verlassenes Baby aufzuheben und mit ihm in ein Rettungsboot zu steigen. Das Boot wurde von Bord gelassen, und Jessop erlebte den Untergang des Schiffes aus sicherer Entfernung. Sie war eine der rund 700 Überlebenden. Das Baby, das sie gerettet hatte, wurde später ihrer Obhut entzogen; sie erfuhr nie, wer es war oder ob es seine Eltern verloren hatte.
Der dritte Schiffsbruch: Die Britannic
Nach dem Ersten Weltkrieg begann Jessop als Krankenschwester für das Britische Rote Kreuz zu arbeiten. Sie wurde auf die HMHS Britannic versetzt, das dritte Schwesterschiff der Olympic und Titanic, das als Hospitalschiff eingesetzt wurde. Am 21. November 1916, auf einer Fahrt durch die Ägäis, lief die Britannic auf eine deutsche Seemine. Die Explosion riss ein großes Loch in die Bordwand, und das Schiff sank innerhalb von 55 Minuten – noch schneller als die Titanic. Jessop war an Bord und half erneut bei der Evakuierung. Sie sprang ins Wasser und wurde von einem Rettungsboot aufgenommen. Obwohl 30 Menschen ums Leben kamen, überlebte sie auch diese Katastrophe. Später berichtete sie, dass sie im Wasser von der Strömung gegen die sich noch drehenden Propeller der Britannic gedrückt wurde, aber glücklicherweise nicht erfasst wurde – ein weiterer Glücksfall in ihrem Leben.
Leben nach den Katastrophen
Nach dem Krieg arbeitete Jessop weiter für die White Star Line und später für die Royal Mail Line. Sie heiratete nie und blieb bis zu ihrer Pensionierung 1950 auf See. Ihre Erlebnisse schrieb sie in einer Autobiografie nieder, die erst posthum veröffentlicht wurde. Sie starb am 5. Mai 1971 an Herzinsuffizienz im Alter von 83 Jahren in einem kleinen Dorf in Suffolk, England – nach einem Leben, das von außergewöhnlichem Überlebenswillen geprägt war.
Der versteckte Hinweis in Camerons "Titanic"
In der berühmten Filmszene, in der der Schiffsarchitekt Thomas Andrews (gespielt von Victor Garber) die Passagiere anweist, ihre Schwimmwesten anzulegen, spricht er eine Bedienstete namens Lucy an: „Lucy, zeigen Sie ihnen, wie es geht.“ Manche Cineasten und Historiker glauben, dass dieser Moment eine Anspielung auf Violet Jessop sein könnte, die in den letzten Minuten der Titanic genau diese Aufgabe übernahm. Allerdings ist der Name Lucy nicht korrekt, und es gibt keine offizielle Bestätigung von James Cameron. Dennoch bleibt es eine reizvolle Theorie.
Jessops Geschichte ist so erstaunlich, dass sie längst einen eigenen Film verdient hätte. Sie überlebte drei der berühmtesten Schiffsunglücke des 20. Jahrhunderts und rettete dabei andere Leben. Während Camerons Epos die große Romantik zelebriert, erinnert dieser Blick auf die reale Violet Jessop daran, dass die Titanic auch Schauplatz unzähliger stiller Heldentaten war – die oft im Schatten der fiktiven Liebesgeschichte verschwinden.
Source: FILMSTARTS.de News